Institut für GewaltpräventionFreies Institut für interdisziplinäre Gewaltpräventionsstrategien
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Einst fand eine Raupe eine Wiese voller goldener Blumen. Und weil sie so unersättlich war, wie es Raupen nur sein können, hatte sie im Nu die halbe Wiese leergefressen.
Das sah ein Bär, dem die Bienen seit jeher aus dem Pollen der Blumen einen köstlichen Honig bereiteten. Weil die Raupe nun aber schon die halbe Wiese weggefressen hatte, mangelte es ihm recht bald an seiner Leibspeise. Da sagte der Bär: "Raupe, such dir doch bitte ein anderes Feld. Mein Honig schwindet."
Die Raupe aber fraß unverdrossen weiter.
Der Bär wurde zornig und brüllte so laut, daß der Boden erbebte:
"Raupe, du stiehlst mir meinen Honig! Halte ein, oder ich werde dich zerquetschen!"
Die Raupe aber fraß unverdrossen weiter.
Nun begann der Bär zu toben und schlug mit seinen gewaltigen Pranken nach ihr. Anstelle das kleine, gefräßige Monster zu treffen, zerstörte er nur die goldenen Blumen.
Die Raupe aber fraß unverdrossen weiter.
Da erkannte der Bär, daß seine Wut ihm zu nichts Nütze war. Er grübelte, was er wohl tun könne, damit die Raupe nicht die ganze Wiese und damit den Quell des wunderbaren Honigs vernichte.
Endlich kam ihm eine Idee. Er begab er sich zu der Wiese und begann, mit der Raupe zu reden. Er machte ihr klar, dass ihr Handeln Folgen hatte, für den Bär, für die Wiese, für die Bienen, aber auch für die Raupe selbst. Er zeigte ihr, wie sie ihre Fresssucht beherrschen konnte und erzählte ihr, wie schön ihre Welt sein konnte, wenn sie aufeinander Rücksicht nahmen. Vor allem aber nahm er sie ernst.
Die Raupe bemerkte, wie sehr sich der Bär bemühte. Da wurde es ihr zum ersten Mal in ihrem Leben warm um ihr Raupenherz. Anfangs verschwand bei jedem seiner Worte ein Blütenblatt in ihrem Maul. Nach einer Weile schluckte sie nur noch bei jedem Satz eines herunter, und schließlich nur noch dann, wenn der Bär sich des Abends zur Ruhe begab. Und endlich fand die Raupe, dass sie dem Bären mit ihrer Gefräßigkeit nicht mehr weh tun wollte.
Also zog sie sich zurück, um nachzudenken. Eines Morgens fand der Bär anstelle der Raupe einen silbernen Kokon. Und wenig später entstieg dieser Hülle ein prächtiger Schmetterling. Da freute sich der Bär über das zart schillernde Wesen, und der Schmetterling genoß den köstlichen Nektar, den er als Raupe dank seiner Gefräßigkeit nie gekostet hatte.
So hatte sich des Bären Geduld ausgezahlt: Anstelle eines verwüsteten Feldes und einer toten Raupe konnten sich nun beide an der Köstlichkeit von Nektar und Honig laben.
Der Bär erfreute sich zudem fortan an jedem Morgen über die Schönheit des dahinflatternden Schmetterlings.

© 2006 Ruben Wickenhäuser für IGaK
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