Seit Jahren ist aus der Medienwirkungsforschung und auch der Suizidforschung ("Werther-Effekt") bekannt, dass es einen klaren Zusammenhang zwischen ausufernder Berichterstattung zu schweren Gewalttaten und einem erhöhten Auftreten von Nachahmungstaten gibt. Dies zeigt sich nicht zuletzt immer wieder bei der Berichterstattung über Amokläufe. Durch eigene Forschung und Berichte aus der Praxis ist offensichtlich, dass nach der Berichterstattung über deutsche "School Shootings" sowohl die Anzahl der Trittbrettfahrer, als auch die der Nachahmungstäter erheblich zunimmt.
Seit Jahren weist IGaK Presseberichterstatter auf diesen Zusammenhang hin und hat auch einige Richtlinien zur Vermeidung von Nachahmungstaten publiziert sowie gezielt an die Presse weitergegeben. Diese beinhalten u.a.:
▬ Keine vereinfachenden Erklärungen für Handlungsmotivationen anbieten.
▬ Auf die umfassenden Folgen der Tat fokussieren, statt auf den Täter.
▬ Keine Romantisierungen verwenden und keine Heldengeschichten erzählen.
▬ Den Tathergang nicht zu konkret aufzeigen.
▬ Täterphantasien und emotionales Bildmaterial nicht zu anschaulich darstellen.
(ausführliche Hinweise zu diesen Punkten finden sich etwa in
"Riss in der Tafel", Springer Medizin 2007, Kapitel 6)
Mit Interesse haben wir nun Aussagen von einem der bedeutendsten internationalen Gewaltspezialisten zu diesem Thema wahrgenommen.
Dr. Park Dietz ist ein führender Psychiater und Kriminologe aus den USA, der kürzlich zu einem der 25
einflußreichsten Menschen der Sicherheitsindustrie ernannt worden ist.
Er stellt als Richtlinien für die Presseberichterstattung zur Vermeidung von Nachahmungstaten heraus:
▬
Do not start the stories with sirens blaring
▬
Do not have photographs of the killer
▬
Do not make this 24/7 coverage.
▬
Do not make the body count the lead story.
▬
Do not make the killer some kind of anti-hero.
▬
Do localise this story to the affected community and make it as boring as possible in every other market.
Seinen
Thesen stimmen wir nachdrücklich zu. Gerade vor dem Hintergrund der jüngsten Mehrfachtötungen, zu denen seit gestern leider auch noch die
Schießerei in einem Landshuter Gericht gezählt werden muss, ist dringend ein Umdenken in der Berichterstattung über solch schwerwiegende Taten erforderlich.
In Bezug auf Selbstmorde gibt es seit langem Absprachen, nicht intensiv darüber zu berichten, um Nachahmungen einzudämmen. Auf politischem Wege, etwa als Signal des
Ethikrates oder des
Presserates wäre es mehr als wünschenswert zumindest dazu aufzurufen, dass die Art und Weise der Berichterstattung über schwere Gewaltstraftaten verantwortungsvoller betrieben wird.