Nachdem Jugendliche alleine in Deutschland im Jahr 2009 drei schwere zielgerichtete Gewalttaten („Amokläufe“) an ihren Schulen begangen hatten und ein weiterer ehemaliger Schüler im Februar 2010 in
Ludwigshafen eine Bluttat an seiner Schule umgesetzt hatte, war eine Phase mit vergleichsweise wenigen internationalen Vorfällen eingetreten. In dieser Zeit traten „nur“
einzelne Vorfälle in den USA mit wenigen Verletzten oder Toten auf, die international nicht weitläufig publiziert wurden. Seit am gestrigen Tag jedoch ein ehemaliger Schüler in
Rio de Janeiro mindestens 12 Kinder und sich selbst erschoss, schlägt die Berichterstattung über diese „School Shootings“ auch in Deutschland wieder hohe Wellen.
Unglücklicherweise sind mittlerweile sogar Fotos und Filme von der Tat verfügbar, die schreiende, fliehende Schüler und den Täter zeigen. Dabei ist
seit langem bekannt (und von unserem Institut auch weitläufig gegenüber der Presse und politischen Gremien kommuniziert worden), dass eine derartige Berichterstattung die Nachahmung von schweren Gewalttaten an Schulen, ebenso wie das Auftreten von Trittbrettfahrern, erheblich fördert.
Erneut bitten wir daher die deutsche Berichterstattung inständig, folgende Kriterien zu berücksichtigen, damit die Wahrscheinlichkeit weiterer Amokläufe durch Jugendliche an Schulen in Deutschland nicht noch weiter zunimmt:
• Bieten Sie keine vereinfachenden Erklärungen für Handlungsmotivationen an.
• Fokussieren Sie auf die umfassenden Folgen der Tat, statt auf den Täter.
• Verwenden Sie keine Romantisierungen und erzählen sie keine Heldengeschichten.
• Zeigen Sie den Tathergang nicht zu konkret auf.
• Stellen Sie weder die Täterphantasien, noch emotionales Bildmaterial anschaulich dar.
Sämtliche Aspekte können ansonsten dazu führen, dass sich junge Menschen mit bereits bestehenden Gewaltphantasien mit diesem Täter identifizieren. Das kann eine Neuausrichtung ihrer Gewaltphantasien auf die Umsetzung eines eigenes School Shootings zur Folge haben.
(Ausführlichere Hinweise zu diesen Punkten finden sich etwa
in unserem Buch "Der Riss in der Tafel", Springer Medizin 2010, Kapitel 6 und im Abschlussbericht des Expertenkreis Amok der Landesregierung Baden-Württemberg, Seite 64.)