Während die Innenminister des Bundes und der Länder einen neuen Vorstoß unternehmen, die sogenannten "Killerspiele" zu verbieten, muss der Sinn und auch die offizielle Begründung dieses Vorstoßes deutlich hinterfragt werden.
Sicherlich ist es angemessen, die Bedeutung und Wirkung von Spielen mit übermäßigen Gewaltdarstellungen zu überprüfen. Ein Verbot geht jedoch deutlich an der Realität vorbei. Dies gilt schon allein, weil es real gar nicht sinnvoll umsetzbar ist: Wie aus Studien längst bekannt ist, gibt es einerseits zahlreiche Möglichkeiten für Jugendliche auch weiterhin an diese Spiele zu kommen - etwa durch kostenlose Internetangebote aus dem Ausland, die kaum reguliert werden können. Andererseits dürften Kindern und Jugendlichen "Killerspiele" nach der
aktuellen Definition der Innenminister schon zum jetzigen Zeitpunkt ohnehin nicht zugänglich gemacht werden.
Hinzu kommt die Komponente der offiziellen Begründung. So soll der Schritt eine "Konsequenz aus dem Amoklauf von Winnenden sein und zukünftigen Amokläufen vorbeugen". Der Innenminister von Niedersachsen, Uwe Schürmann, wird bspw. derzeit weit mit der
Aussage zitiert "Amokläufer haben sich vor ihren Taten immer wieder mit solchen Spielen beschäftigt". Dies drückt natürlich keinerlei belegbare Kausalität aus und ist noch dazu inhaltlich falsch:
Auf der einen Seite stellen gewalthaltige Videospiele nur eine von vielen Möglichkeit dar, sich an gewalthaltigen Inhalten zu orientieren. Diese Möglichkeit ist auf Grundlage der aktuellen Forschung zum Phänomen Amok nicht relevanter, als bspw. die Betrachtung von Gewaltfilmen, das Vorleben von gewalttätigen Erwachsenen oder sogar das Lesen von gewalthaltigen Büchern. Auf der anderen Seite gibt es auch den vielfach behaupteten "wissenschaftlichen Beleg" nicht. Während die Überlegungen des US-amerikanischen Militärpsychologen Dave Grossman dies implizieren (was jedoch nicht durch Studien belegt wurde), zeigen aktuelle wissenschaftliche Publikationen vielmehr: There is "
no significant relationship between violent video game exposure and school shooting incidents" (Ferguson 2008).