Wächst durch die Nutzung Neuer Medien die Wissenskluft zwischen sozialen Schichten oder bieten Neue Medien die Chance einer höheren Schichtendurchlässigkeit?
Die Aufteilung einer Gesellschaft in Schichten zum Zwecke einer soziologischen Erhebung birgt stets die Gefahr, eine hierarchische Aufteilung zwischen Mächtigen und Machtlosen zu implizieren. Allerdings sind derartige Untersuchungen hilfreich, um gesellschaftliche Realitäten und Probleme zu analysieren. Mithilfe des sozioökonomischen Status, einem Index aus wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Faktoren, wird eine modellhafte Aufteilung der Befragten in Unter-, Mittel- und Oberschicht vorgenommen, um z.B. die Verteilung des Wohlstandes, das Weltbild oder die Aufstiegsmöglichkeiten zu erforschen.
Eine vom Institut für Demoskopie Allensbach vorgelegte Studie untersuchte nun den Einfluss der sozialen Schicht auf das Themeninteresse und die Mediennutzung von 14- bis 19-Jährigen (Bruttel 2012). Dabei stimmt das Ergebnis nachdenklich, dass das Interesse an gesellschaftlichen Themen zunehmend schichtabhängig ist. Zwar interessieren sich Jugendliche klassischerweise für andere Themen als Erwachsene – der Trend zeigt jedoch ein besonders stark abnehmendes Interesse für die Themenfelder Wirtschaft, Natur und Umwelt, Kultur, Politik und Wissenschaft bei Jugendlichen aus der Unterschicht. Ihr Interesse verlagert sich der Studie zufolge deutlich zugunsten von Jugend- und Lifestyle sowie Telekommunikationsthemen. Dabei erweist sich auch ihr Interessenspektrum als zunehmend verengt.
Die in den 1970er-Jahren aufgestellte Knowledge-Gap-Hypothese einer wachsenden Wissenskluft zwischen Menschen von höherem und niedrigerem sozioökonomischen Status bei wachsendem Informationsfluss problematisiert bereits eine solche Entwicklung. Nicht zuletzt durch die aktuellen Zahlen findet die Hypothese Bestätigung in Bezug auf die digitale Revolution durch das Internet.
Bruttel sieht als Grundlage dieser Entwicklung die Tatsache, dass Kinder in den oberen sozialen Schichten andere thematische Anregungen von ihren Eltern erhalten und zudem die Wichtigkeit von Bildung deutlich höher eingeschätzt wird (90% der Eltern aus der Oberschicht legen Wert auf eine gute Bildung, lediglich 60% der Eltern aus der Unterschicht tun dies).
Wurde in den letzten Jahren vor allem eine Ungleichheit beim Zugang problematisiert (Digital Divide), so zeigt sich nun, dass politische Bildung auch durch eine breite Versorgung mit (und hohen Konsum von) Medienprodukten nicht zum Selbstläufer wird. Medienkompetenz muss auch von Digital Natives erlernt werden. Die Vermittlung von Wissensdurst bleibt dabei eine der Hauptaufgaben der heutigen Medienerziehung.