Der 5. März markiert den Beginn eines globalen Phänomens: Das schlicht mit KONY 2012 betitelte Video der Organisation Invisible Children hat sich mit einer seither nie dagewesenen Geschwindigkeit über sämtliche soziale Netzwerke des Internets verbreitet. Oprah Winfrey, George Clooney und viele weitere Prominente und Politiker wurden zu Fürsprechern des Films und die Klickzahlen auf Youtube gingen rasch in die Millionen. Jene Kampagne, die sich die Bekämpfung des ugandischen Rebellenführers Joseph Kony zum Ziel gesetzt hat, ist innerhalb kürzester Zeit zur größten viralen Kampagne der Geschichte geworden. Woran liegt dies und was sind die Folgen?
Zunächst einmal steht KONY 2012 für das Versprechen, Teil einer globalen Bewegung werden zu können, deren Ziele redlich sind und deren Gegner als das personifizierte Böse stilisiert wird. Dass der Warlord Kony, der im Video mit Hitler und Osama bin Laden gleichgesetzt wird, aufgehalten werden muss, erscheint als alternativloser Weg, um das Leid der hilflosen Menschen in Uganda zu beenden. Selbst dem kleinen Sohn des Filmemachers und Kampagnengründers Jason Russell leuchtet dies ein. Mit kindlicher Logik fasst er im Film die Beweggründe seines Vaters zusammen:"You stop the bad guys from being mean." Neben einer Vielzahl von anschaulichen Gleichnissen und einfachen Modellen verknüpft das 30-minütige Video Elemente aus Werbung, Musikclips und Dokutainment á la Michael Moore zu einem mitreißenden Appell für die Menschlichkeit. Lediglich eine Spende in Höhe von 30 Dollar, für die man im Gegenzug das so genannte Action Kit erhält, ist fällig, um dabei zu sein - neben der weiteren Verbreitung des Videos versteht sich. Das Kit ist mittlerweile ausverkauft, die Views bei Youtube dürften bald die 100 Millionen-Marke knacken. Zugleich mehren sich allerdings kritische Stimmen im Netz, deren Ausmaß mittlerweile beinahe das der eigentlichen Kampagne erreichen dürfte. Eine Übersicht über die zahlreichen Kritikpunkte findet sich etwa in der ZEIT und im Guardian. Doch unabhängig von der Legitimität des Anliegens von Invisible Children stellt sich die Frage, ob derartige Kampagnen die Macht haben, das politische Weltgeschehen zu beeinflussen. Können "gefällt mir"-Klicks die globale Agenda verändern?
Wo bislang klassische Medien ein Monopol auf die Themenauswahl und deren Bewertung hatten (sog. Gatekeeping), wobei eine vehemente Berichterstattung über Krisen und soziale Missstände durchaus Politiker dazu beeinflussen konnten, "endlich etwas zu tun", könnten in Zukunft Kampagnen wie KONY 2012 diese Rolle einnehmen. Dass dabei im Zweifel eher mit Emotionalisierung, also einem Mittel der Werbung, und Simplifizierung gearbeitet wird, als mit Fakten und Hintergründen, muss dem User bei der Entscheidung über eine Unterstützung klar sein. Eine geschickt inszenierte Kampagne kann ein machtvolles Mittel sein, um Aufmerksamkeit zu generieren. Ein Erfolg kann allerdings erst an Konsequenzen in der realen/analogen Welt gemessen werden. Im Falle von KONY 2012 sollte dies äußerst kritisch gesehen werden.